Christian Goltsche
Der folgende Text ist eine Geschichte aus der Welt Chikumaa, eine Welt mit Magie, Menschen, Elfen, Zwergen, Dämonen, Drachen und Mischwesen.
Vor langer Zeit lebte in einer kleinen Küstenstadt ein Junge namens Denjo. Seine Eltern waren Bauern und schon mit frühen Jahren musste Denjo auf den Feldern helfen und die Hühner füttern. Während die seine Freunde in der Stadt meist am späten Nachmittag frei hatten, wenn sie mit ihrer Arbeit in den Handwerksbetrieben oder auf anderen Höfen fertig waren, verbrachte Denjo seine Zeit gerne allein am Ufer des Sees. Dort, etwas abseits der Stadt und versteckt hinter den Feldern seiner Familie, betrachtete er das ruhige Wasser und die über den Himmel ziehenden Wölkchen am Himmel. Meistens aber beobachtete er die Möwen, die im seichten Wasser standen und immer wieder den Schnabel unter die Oberfläche tauchten, blitzschnell, präzise, und dann mit einem kleinen Fisch wieder hochkamen.
Eines Tages saß er wieder dort im Gras. Er hatte nach seiner Arbeit zunächst nach seinen Freunden Ausschau gehalten, die allerdings alle noch beschäftigt waren. Kurz hatte er auch die Augen nach Tikki aufgehalten, die er jedoch nirgendwo entdecken konnte.
Tikki hieß eigentlich Tikkani und war die Tochter des Bäckers. Sie war etwas älter als Denjo und seine Freunde und wurde von allen Jungen des Städtchens umschwärmt. Sie hatte so tiefe braune Augen, dass man sich darin wie in einem Labyrinth verirren konnte. Nicht, dass er jemals ein Labyrinth gesehen hätte. Das kannte er nur aus Erzählungen. An den Schultagen im Tempel versuchte Denjo immer so dicht wie möglich bei ihr zu sitzen. Jeder Junge glaubte natürlich, derjenige zu sein, den Tikki zurückmochte. Doch Denjo war sich sicher, dass sie nur ihn liebte.
Mit dem Gedanken an das Mädchen vertieft schaute er einer Möwe dabei zu, wie sie nicht weit von seiner Position im Wasser landete. Sofort schnellte ihr Kopf nach unten und sogleich kam sie mit einem Fischlein im Schnabel wieder hoch. Sie drehte den Fisch ein wenig, um ihn besser verspeisen zu können, da blitzte es plötzlich wie bei einem Gewitter und die Möwe wurde zerrissen, als hätten mehrere unsichtbare Schwerter auf sie eingeschlagen.
Denjo schnappte überrascht nach Luft und sah gebannt auf die Stelle, wo die Möwe gerade noch gestanden hatte. Doch dort befanden sich nur noch ein roter Schleier und Reste von Gefieder auf der Wasseroberfläche. Er blickte nach links und entdeckte einen anderen Jungen, der dort am Ufer stand. Dieser starrte ebenfalls auf das Wasser.
Denjo kannte ihn. Sein Name war Toscha. Er war der Sohn eines Tischlers. Doch ihm wurde nachgesagt, dass er furchtbar ungeschickt war. Der Tischler hatte angeblich aufgegeben, Toscha sein Handwerk beizubringen, und so streifte der Junge meistens durch die Stadt und tat nichts. Nicht einmal im Haushalt durfte er helfen. Angeblich warteten seine Eltern nur darauf, dass ihr Sohn vierzehn wurde, um ihn zum Militär zu schicken und die Kompensationszahlung für ihn einzustreichen.
Denjo schätzte Toscha auf dreizehn Jahre. Damit wäre er etwas jünger als er selbst. Doch wie alle anderen Kinder und Jugendlichen in der Stadt fand er Toscha unheimlich. Der Junge sprach kaum ein Wort mit ihnen und hatte etwas an sich, das sie erschaudern ließ. Aber niemand konnte in Worte fassen, was es war, was sie derart störte.
„Hast du das gesehen?“, fragte er den Tischlersjungen.
Toscha nickte.
„Was war das?“, fragte Denjo.
„Ich.“
Ein Wort. Kratzig. Rau.
Denjo fiel erst jetzt auf, dass er Toscha tatsächlich noch nie hatte sprechen hören.
Er wartete nicht auf eine nähere Erklärung, sondern stand auf und rannte davon.
Nach dem Abendessen, bei dem er seine Eltern anschwieg, worüber diese offenbar nach einem harten Arbeitstag ganz froh waren, traf er seine drei Freunde auf der kleinen Holzbrücke hinter der Mühle. Darin lebten die beiden Brüder Jiku und Kendrok, die Söhne des Müllers. Auch Nevel, die auf dem Nachbarhof lebte, war dort. Sofort setzte Denjo sich zu den anderen und erzählte ihnen, was er gesehen hatte, ohne ihnen auch nur einen schönen Tag zu wünschen. Sie horchten seinen Worten mit einigem Staunen, während der Fluss unter ihnen Richtung See plätscherte. Nur Jiku, der Älteste unter ihnen, war skeptisch. Allgemein wirkten er und sein Bruder heute ein wenig angespannt. Doch so waren sie manchmal, wenn sie sich zuvor am Tag gestritten hatten. Also dachte sich Denjo zunächst nichts dabei.
„Toscha? Ein Magier?“, fragte Jiku verächtlich und schüttelte den Kopf. „Wie soll der denn gezielt eine Möwe treffen? Er kann ja nicht einmal einen Hammer gerade halten.“ Irgendwie war seine Stimme heute deutlich ruhiger als sonst. Beinahe traurig.
„Ich weiß nur, was ich gesehen und gehört habe“, verteidigte Denjo seine Worte. „Die Möwe wurde in unzählige Stücke zerrissen. Da blieben nur noch Blut und Federreste übrig. Und er behauptete, dass er es gewesen sei.“
„Ein Magier?“, murmelte Nevel beeindruckt und zog eine ihrer dünnen Augenbrauen nach oben. Sie liebte Geschichten über Magie und schwärmte immer davon, ebenfalls eine so große Magierin zu werden, wie die große Montallan, die als Hofzaubererin des Grafen in dessen Burg nicht weit von der Hafenstadt entfernt wohnte und über die man sich allerlei Fantastisches und Heldenhaftes erzählte. „Vielleicht wird er zu Montallan gebracht und deren Schüler?“ Eine gewisse Eifersucht quellte aus ihrer Stimme.
Jiku schüttelte den Kopf. „Toscha? Ein Magier?“, wiederholte er seine Worte von zuvor. „Niemals.“
„Was ist denn los mit dir?“, fragte Nevel, die Jikus trübe Note in der Stimme ebenfalls gehört haben musste.
Jiku presste die Lippen zusammen.
„Habt ihr von Tikki gehört?“, fragte der bisher stille Kendrok. Er war der kleinste von ihnen, gerade einmal elf Jahre alt, doch sah mit seiner dünnen Gestalt, den großen Ohren und der schmalen Nase wie eine jüngere Version seines Bruders aus. Allerdings war sein Charakter vollkommen anders. Meistens war er relativ ängstlich. Sie spotteten manchmal über ihn, wenn er sich nicht traute, nahe ans Wasser zu gehen, wenn Flut war, oder sich zu weit von der Stadt zu entfernen, wenn sie in den Wald gehen wollten, um kleine Tiere zu jagen oder ihre selbstgebauten Fallen zu überprüfen. Der Gedanke, dass Toscha, der ihm ohnehin nicht geheuer war, ein Magier war, musste ihm ziemliches Unbehagen bereiten, glaubte Denjo.
„Was ist mit ihr?“
„Sie ist tot.“
Kendrok hätte ihm genauso gut mit einem Hammer vor die Stirn schlagen können.
„Was?“, raunte Nevel. „Was redest du da?“
Jiku nickte andächtig. „Kendrok hat recht. Wir haben es heute erfahren, als wir bei Tikkis Eltern waren, um Mehl abzuliefern. Ein Priester Lasoshis war da. Die Mutter war vollkommen aufgelöst. Ihr Vater hat uns vertrieben, als wir nachgehakt haben, was denn passiert ist.“
„Aber …“, stammelte Denjo. „Was ist denn passiert?“
Er konnte es nicht fassen. Tikki war tot? Wie konnte das sein?
„War sie krank?“, fragte Nevel. „Vor ein paar Tagen in der Schule war sie doch noch gesund.“
Jiku zuckte mit den Schultern. „Dem Blut an Gewand des Priesters nach zu urteilen, muss es ziemlich übel gewesen sein.“
Sie schwiegen andächtig. Niemand von ihnen hatte noch Lust irgendetwas zu tun und schon bald gingen sie heimwärts. Nevel begleitete Denjo bis zu seinem Hof.
„Es ist schrecklich“, sagte sie nur kopfschüttelnd. „Wir müssen herausfinden, was da geschehen ist.“
„Ja“, meinte Denjo nach kurzem Zögern. Dann gingen sie andächtig weiter, bis sich ihre Wege trennten.
Am nächsten Tag hörte Denjo, während er deutlich langsamer und nachdenklicher als gewöhnlich die Eier der Hühner einsammelte, ein lautes Geräusch aus dem Inneren der Stadt. Ein Horn.
Denjos Herz raste.
Er hatte dieses Horn nur zweimal in seinem Leben gehört.
Einmal war ein Rudel Wölfe in die Stadt gekommen und hatte einen Mann und mehrere Tiere gerissen.
Beim zweiten Mal waren fähige Leute für einen Feldzug gesucht worden, von denen nicht einmal die Hälfte wieder zurückgekehrt war.
Dieses Horn bedeutete nie etwas Gutes. Doch alle Stadtbewohner waren verpflichtet, sich bei seinem Ertönen auf dem großen Platz vor dem Rathaus zu versammeln.
Mindestens die halbe Stadt war bereits da, als Denjo und seine Eltern dort ankamen. Viele Leute sahen besorgt aus, andere wirkten verärgert, weil sie von der Arbeit abgehalten wurden.
„Was gibt es denn?“, rief Tamann, der Wirt der Taverne, immer wieder. Er war ein jähzorniger Mann mit einem faltigen Gesicht, dem Denjo nie zu nahe kam.
Er entdeckte Nevel in der Menge und hob eine Hand. Nevel nickte zurück. Sie wirkte erschrocken. Denjo wäre gerne zu ihr hinübergegangen, um zu fragen, ob sie wusste, was geschehen war. Doch bei solchen Versammlungen bestand Denjos Vater in der Regel darauf, dass er bei ihm und seiner Mutter blieb.
Gelandos, der Aufseher des Städtchens, ein korpulenter Mann, der stets einen dunkelbraunen Mantel aus viel zu dickem Stoff trug, stieg ein wenig unbeholfen auf Treppenstufen des bescheiden gestalteten Rathausgebäudes und hob beide Hände, um das Gemurmel und die Rufe des Wirts verstummen zu lassen.
„Liebe Mitbürger, ich habe Euch zusammengerufen, um Euch mitzuteilen, dass etwas Böses unter uns weilt. Viele von Euch haben von dem Bäckermädchen gehört.“ Wieder murmelten einige, doch Gelandos ließ Unruhe schnell sterben, indem er wieder die Hände hob und weitersprach. „Nun hat es auch einen der Müllerssöhne erwischt.“
„Was ist denn passiert?“, rief Tamann ungeduldig. Er hüpfte von einem Bein auf das andere, als ob er dringend austreten musste. Denjo wusste, dass der Mann es hasste, von seiner Arbeit abgelenkt zu werden. Wahrscheinlich glaubte er, jeden Moment, den er hier stand, Geld zu verlieren, obwohl um diese Uhrzeit sicherlich noch nicht viel Kundschaft in seiner Taverne sein konnte. Zumal sie bestimmt ohnehin hier vor Ort waren.
Gelandos bedachte faltigen Mann mit einem strengen Blick, doch fuhr dann fort. „Wir wissen es nicht genau. Es sieht aus, als ob eine Bestie sie …“, er zögerte und suchte offenbar nach dem richtigen Wort, „gerissen hätte.“
Das Gemurmel wurde größer. Wie Denjo mussten sie alle an die Wolfsangriffe vor einigen Jahren denken.
„Schickt die Jäger los!“, forderte jemand aus der Menge.
„Die Vorfälle ereigneten sich in den Häusern der jeweiligen Opfer. Sie wurden offensichtlich in ihren Betten von einem blutrünstigen Wesen mit Zähnen zerfleischt.“ Gelandos räusperte sich. „Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen. Es war kein schöner Anblick.“
Denjo hörte dem Stadtaufseher gebannt zu. Er atmete schwer und seine Hände zitterten. Das durfte nicht wahr sein. Erst Tikki und nun Jiku oder Kendrok? Er schwenkte seinen Blick durch die Menge. Sie mussten doch irgendwo hier stehen.
Doch er fand sie nicht. Das musste aber natürlich nichts heißen. Der Platz war voller Leute. Sie mussten irgendwo am Rand stehen. Gelandos musste von einem anderen Müllerjungen gesprochen haben. Aber das war natürlich Unsinn, denn der einzige andere Müller der Stadt hatte keine Kinder.
Da entdeckte Denjo Toscha nicht weit von sich entfernt stehen. Er war völlig allein. Seine Familie war nirgendwo zu sehen. Im Gegensatz zu den Leuten um ihn herum, tuschelte und raunte er niemandem etwas zu, sondern starrte nur auf den Boden vor sich, als würde dort das interessanteste Schauspiel stattfinden, das er je gesehen hatte. Dabei rieb er sich immer wieder die Hände an den Seiten seiner löchrigen Leinenhose. Er schien wie besessen seine Hände von hartnäckigem Schmutz reinigen wollte, obwohl sie vollkommen sauber waren.
An seinem Gesicht erkannte Denjo keine Emotionen. Er blickte nur stoisch auf den Kies. Das Reiben war die einzige Bewegung. Hin und her. Offenbar nahm aber niemand um ihn herum Notiz davon. Nur Denjo beobachtete den seltsamen Jungen und machte unwillkürlich einen Schritt zur Seite, um etwas mehr Abstand zu ihm zu gewinnen.
„Was werdet Ihr tun?“, schrie jemand aus der Menge.
„Ich habe einen Boten ausgesandt“, antwortete Gelandos. „Er bringt einen Brief zur Miliz des Grafen. Sie werden uns helfen. Bis dahin: Verriegelt eure Türen am Abend. Es gab an beiden Orten keine Spuren von gewaltsamem Eindringen. Daher gehen wir davon aus, dass der Täter oder die Täterin einfach durch eine unabgeschlossene Tür in das Haus kam.“
„Wollt Ihr damit sagen, dass sich ein Mörder unter uns befindet?“, rief eine Frau nicht weit von Denjo entfernt.
„Es muss niemand von uns sein. Es könnte eine außenstehende Person sein, die sich nachts in die Stadt schleicht.“ Gelandos senkte kurz den Kopf. Dann hob er ihn wieder. „Aber ja. Es sieht so aus, als treibe sich hier ein Mörder herum, der es auf junge Leute abgesehen hat. Zumindest bisher.“ Er hob eine Hand, um das beginnende Gemurmel zu verstummen. „Verriegelt am Abend eure Türen. Haltet Werkzeuge oder Waffen bereit, mit denen ihr euch gegen Eindringlinge in eure Häuser verteidigen könnt.“
„Hat denn niemand etwas gesehen?“, fragte dieselbe Frau wie eben.
Es war offensichtlich, dass Gelandos zögerte. „Nein“, gab er schließlich zu. „Niemand hat etwas gesehen oder gehört … bis die Opfer gefunden wurden.“
Denjo lief ein kalter Schauer über den Rücken.
Er spürte die Hand seiner Mutter auf seiner Schulter, doch wagte es nicht, sich umzusehen.
„Geht heim. Hilfe ist unterwegs.“
Es wurden noch einige Fragen gerufen, doch Gelandos verschwand im Rathaus. Die Fragen wurden lauter.
Denjo wurde weggezogen. Erst als sie am Rande des Platzes angekommen waren, bemerkte er, dass sein Vater ihn am Arm hielt.
„Dieser Gelandos ist ein Nichtsnutz“, schimpfte der Mann. Er ließ Denjo los.
„Beruhige dich“, entgegnete die Mutter auf Denjos anderer Seite. „Wir werden tun, was er gesagt hat: Die Hütte verriegeln, wenn es Abend wird, und zusammen bleiben.“
Da ihre Hütte aus nur einem Raum bestand, war dies kein sonderlich großes Problem. Dennoch hatte Denjo ein mulmiges Gefühl im Bauch. Trotzdem schwieg er und folgte seinen Eltern zurück nach Hause.
Den Rest des Tages verbrachte er mit Hofarbeit. Seine Eltern kontrollierten die Bewässerung der Felder, die dank der vielen Gräben und Rinnen hauptsächlich automatisch vonstattenging. Nur manchmal mussten nachgebessert werden. Denjo ging derweil wieder zu den Hühnern, um ihren Stall auszumisten, während sie im Hof nach Körnern pickten, die er ausgestreut hatte.
Es war eine mühsame Arbeit, die ihn aber wenigstens von seinen Gedanken ablenkte. Und dennoch versuchte er, sich zu beeilen, denn er wollte so schleunigst wie möglich ins Städtchen laufen.
Gelandos hatte von einem Mörder geredet, der es auf junge Leute abgesehen hatte. Doch es war nicht die Angst um sich selbst, die ihn zittern und schwitzen ließ, sondern die Ungewissheit, ob Jiku oder Kendrick tot waren. Ehe er das nicht wusste, konnte er nicht um einen von ihnen trauern. Bis dahin spürte er nur Angespanntheit. Ohnehin glaubte er, dass er bereits mehr als genug Tränen für Tikki verloren hatte, um noch welche ausweinen zu können.
Nach etwa einer Stunde hörte er ein zischendes Geräusch hinter sich.
„Psst.“
Vor dem Stalltor stand Nevel. Ihr langes Haar war wie immer zu einem Zopf geflochten und ihre Augen waren rot unterlaufen.
„Wann bist du fertig?“, flüsterte sie.
Denjo sah sich um. Er hatte das alte Stroh entfernt und den Stall gereinigt. Das neue Stroh war noch draußen im Karren. „Wenn du mir hilfst, dann recht bald. Ich bin heute nur für den Stall verantwortlich.“
Langsam nickte Nevel. „In Ordnung.“
Gemeinsam war das Stroh schnell im Stall verteilt. Denjo wagte es nicht, seine Freundin während der Arbeit irgendetwas zu fragen. Als sie schließlich fertig waren, verließen sie den Hof. Zwar hatte Denjo das Gefühl, dass er seine Eltern in Anbetracht der jüngsten Ereignisse um Erlaubnis hätte fragen sollen. Allerdings fürchtete er ihre Antwort.
„Was weißt du?“, fragte er Nevel, nachdem sie auf halben Weg ins Städtchen waren.
Die Felder von Nevels Familie waren rechts von der erdigen Straße. Der Weizen stand hoch und versperrte die Sicht auf die Landschaft dahinter. Dasselbe tat das Getreide seiner eigenen Familie zu ihrer Linken mit dem Blick auf den See, den sie allerdings plätschern hören konnte.
Nevel blieb stehen und starrte geradeaus. Dort waren die Dächer und der Turm des Tempels zu sehen. „Bei Lasoshi“, hauchte sie und legte sich ihre linke Hand auf ihre Brust. „Es war Jiku. Der Mörder hat Jiku erwischt.“
Diese Nachricht stach Denjo direkt ins Herz. Er dachte, das Unwissen, welchen der beiden Brüder es erwischt hatte, unerträglich war, doch das Wissen, dass sein Freund tot war, war noch viel schlimmer.
„Und Kendrok?“
„Ich habe ihn nicht gesehen. Ich …“ Sie stockte. „Wir sollten zu ihm gehen.“
„Meinst du, er will uns sehen?“
„Das ist mir egal.“ Sie ballte die Fäuste und ging weiter.
Die Sonne stand bereits weit im Westen. An ihrem üblichen Treffpunkt auf der kleinen Holzbrücke war er nicht. So gingen sie vorsichtig weiter zur Mühle. Das Rad drehte sich nicht. Das war ein eindeutiges Zeichen dafür, dass die Mühle nicht in Betrieb war, was selten vorkam. Vogelgezwitscher, Hundebellen, strömendes Wasser und Hammerschläge des in der Nähe arbeitenden Schmieds beherrschten die Umgebung. Aus der Mühle selbst drang kein einziger Laut.
„Vielleicht sollten wir wieder gehen“, flüsterte Denjo. „Die Familie will bestimmt ihre Ruhe haben.“
Nevel ließ sich davon nicht beirren und trat an ein Fenster. Der Fensterladen war geschlossen, doch sie wussten, dass es die Schlafkammer der Brüder war. Nevel spähte durch einen Spalt zwischen den Brettern. Nach ein paar Sekunden wich sie zurück.
„Bei Lasoshi“, raunte sie wieder.
„Was ist denn?“, fragte Denjo.
„Blut … so viel … Blut“, stammelte sie. Doch ihre aufgerissenen Augen verengten sich schnell wieder, und sie presste die schmalen Lippen zusammen. Denjo überlegte, ob er auch einen Blick riskieren sollte. Dann winkte sie ihm. „Komm.“
Sie schlichen zum Eingang der Mühle. Die Tür war verschlossen. Normalerweise stand sie tagsüber offen, damit Bauern ihr Getreide hier abgeben konnten. Niemand war zu sehen.
„Ich glaube nicht, dass sie noch hier sind“, sagte Denjo.
„Ich würde hier auch nicht bleiben wollen“, entgegnete Nevel. Sie sah ihn an. „Wenn sie nicht hier sind, dann im Tempel.“
Das erschien ihm plausibel.
Sie ließen die Mühle hinter sich, und Denjo war ganz froh darüber, denn ihre Stille ließ ihm das Blut gefrieren.
Der Tempel war das größte Gebäude der Stadt und Lasoshi gewidmet, dem Gott der Heilung und des Schutzes. Eine menschengroße Bronzestatue des Gottes stand in einer Nische über der Eingangstür. Sie zeigte Lasoshi als weinenden Habicht mit Flügeln, die seinen Körper umschlungen.
Auf der obersten von fünf Stufen vor dem Eingang saß Kendrok, die Arme auf den Knien verschränkt und die Stirn darauf gelegt.
Nevel und Denjo sahen sich kurz an. Dann traten sie die Treppe langsam hinauf und setzten sich neben ihn.
Denjo wusste nicht, was er sagen sollte. Zum Glück übernahm Nevel das Reden.
„Können wir etwas tun?“
Kendrok zuckte zusammen. Er hob den Kopf und schien erst jetzt zu bemerken, dass er nicht mehr allein war. „Was macht ihr denn hier?“
„Wir haben dich gesucht“, sagte Denjo. „Gelandos hat alle in der Stadt informiert, was passiert ist.“
„Ich habe das Horn gehört.“ Kendroks Stimme war kaum mehr als ein Wispern.
„Was genau ist geschehen?“, fragte Nevel.
Kendrok sah sie lange an. Dann schüttelte er den Kopf. „Ich weiß es nicht.“ Er schniefte. „Es war mitten in der Nacht. Ich … hatte Durst. Also bin ich aufgestanden und in die Küche gegangen. Als ich gerade dort war, hörte ich ein seltsames Geräusch.“ Ein weiteres Schniefen unterbrach seine Erzählung. Er schluckte und sprach weiter. „Es war … wie ein Schmiedehammer, der einen Amboss trifft, nur deutlich lauter. Ich war verwundert und bin zurück ins Zimmer gegangen. Da war ein seltsamer Geruch und der Boden war feucht, also wollte ich Jiku wecken. Doch dann habe ich gemerkt, dass er gar nicht schnarchte, wie er es sonst tat und sich auch irgendwie gar nicht regte.“ Er atmete tief ein. „Ich habe nach Papa gerufen und er kam mit einer Kerze. Da … haben wir es gesehen. Jiku war … Da war überall Blut und er …“ Er zitterte plötzlich und begann tief ein- und auszuatmen.
Nevel legte ihm eine Hand auf den Rücken. „Schon gut. Wir können uns den Rest vorstellen.“
Nur zu bildlich, dachte Denjo. Kendroks Bericht verpasste ihm eine Gänsehaut. Er wollte es nicht, aber er musste ihm die Frage stellen, die ihm auf der Zunge brannte. „Kendrok“, begann er, als Kendrok sich ein wenig beruhigt hatte, und stockte kurz, als der Junge ihn ansah. „Hat … hat es ausgesehen, als wäre er von mehreren Schwertern … zerstückelt worden?“
Kendrok nickte. „Das oder Krallen oder Zähne.“
„Das klingt nicht nach einem Mörder“, sagte Nevel. „Es sei denn …“ Ihre Augen wurden groß. „Denjo! Du glaubst doch nicht …“
„Toscha.“ Denjo flüsterte, aber sprach dennoch mit Nachdruck. „Dasselbe hat er mit der Möwe gemacht.“
„Wir müssen das melden.“
Denjo stimmte zu. „Gehen wir zu Gelandos.“ Er stand auf und auch Nevel erhob sich. Kendrok allerdings blieb sitzen.
„Ich … ich bleibe hier. Meine Eltern sind da drinnen bei … Jikus Überresten. Der Priester hat uns angeboten, dass wir hier übernachten können, bis die Mühle von der Miliz untersucht worden ist.“
„Es tut mir wirklich leid“, sagte Denjo.
„Mir auch“, stimmte Nevel bei.
„Ja“, entgegnete Kendrok, der offensichtlich nicht wusste, wie er darauf reagieren sollte. „Geht ruhig.“
So verließen sie ihn etwas unentschlossen und gingen die Straße hinunter zum großen Platz.
Die Tür vom Rathaus war geschlossen. Die Schatten wurden bereits länger.
„Was jetzt?“, fragte Denjo.
„Er ist wahrscheinlich in der Taverne.“ Nevel zeigte auf ein Haus auf der anderen Seite des Platzes. „Mein Vater sagt, dass er dort meistens hingeht.“
„Tamann wird uns herauswerfen, bevor wir auch nur den Mund aufmachen können.“
Nevel überlegte kurz. „Dann sagen wir es meinen Eltern. Und sie werden es ihm mitteilen.“
„Wir müssen schnell sein.“ Denjo ging bereits los. „Was ist, wenn Toscha noch einmal zuschlägt?“
Nevel setzte sich neben ihn und gemeinsam eilten sie aus der Stadt zu den Höfen ihrer Familien. Als sie am Eingang des Hofes seiner Eltern vorbeikamen, sah Denjo seinen Vater an der Eingangstür des Hauses stehen. „Denjo!“, rief er. „Komm! Treib dich nicht herum!“ Denjo und Nevel tauschten einen Blick aus.
„Geh“, sagte Denjo zu seiner Freundin. „Sag deinem Vater Bescheid. Und ich werde mit meinen Eltern reden.“
Nevel nickte entschlossen und rannte die letzten Schritte zu ihrem eigenen Zuhause.
„Papa!“, sagte Denjo, als er bei der Tür angekommen war. Sein Vater war wieder im Haus und saß bereits am Tisch, an dem Denjos Mutter gerade etwas Gemüse für das Abendessen schnitt.
„Schrei hier nicht so herum“, sagte sein Vater. Er nahm einen Schluck aus seinem Wasserglas. „Der Hühnerstall sieht gut aus. Aber ich hatte eigentlich erwartet, dass du an einem Tag wie diesem nicht in der Stadt herumläufst.“
Seine Mutter warf ihm einen strengen Blick zu. „Du hast doch Gelandos’ Worte gehört.“
Denjo senkte den Blick.
„Setz dich“, forderte ihn sein Vater auf.
„Ich war nicht allein. Nevel war bei mir.“
„Ja“, seufzte sein Vater. „Ich kann mir vorstellen, dass ihr … neugierig wart. Es tut mir leid um deinen Freund.“
„Wir glauben, dass es Toscha war.“
Seine Mutter hielt beim Schneiden inne und sein Vater blickte ihn nur leer an. „Toscha?“
„Der Junge vom Tischlermeister Waraneck.“
„Ja“, sagte sein Vater langsam. „Dieser seltsame Junge. Ich dachte, der ist schon längst beim Militär.“
„Nein“, erwiderte Denjo. „Ich habe gesehen, wie er eine Möwe umgebracht hat. Mit … Magie.“
Die Mundwinkel seines Vaters zogen sich zu einem spöttischen Lächeln zusammen. „In dieser Stadt gibt es keine Magier, mein Junge.“
Denjos Mutter schüttelte den Kopf und schnitt weiter an der Zwiebel herum. „Du bist zu häufig mit diesem Mädchen zusammen. Seit ihre Mutter gestorben ist, redet sie laut ihrem Vater nur noch von Montallan, und dass sie selbst eine Magierin werden will.“
Sein Vater schmunzelte. „Mit Magie wird man geboren. Jeder im Ort wüsste, wenn hier ein Magier leben würde. Magisch begabte Kinder werden meist von königlichen Soldaten an einen sicheren Ort gebracht, wo sie weder sich selbst noch anderen Schaden zufügen können und lernen können, ihre … Fähigkeiten zu kontrollieren. Seit ich lebe, gab es hier ein solches Kind nicht. In einem der Nachbardörfer war das mal der Fall, aber … das ist ewig her.“ Er winkte ab, leerte seinen Becher, stand auf und deutete auf einen Becher aus dem der Stiel eines Hammers herausragte. „Wir müssen einen Riegel an der Tür anbringen“, sagte er. „Du kannst mir helfen. Bisher war so etwas nicht nötig … aber die Welt wird offenbar immer verrückter.“
„Papa, ich bin mir sicher, dass Toscha …“
„Genug.“ In diesem Wort befand sich ausreichend Autorität, um Denjo zum Schweigen zu bringen. Er griff nach dem Eimer, in dem sogleich Metall schepperte. Offenbar hatte sein Vater einige Materialien für einen Riegel oder ein Schloss aus dem Schuppen geholt. „Hilf mir.“
Auch während der Anbringung des Riegels und im Laufe des Abendessens hörten seine Eltern ihm nicht zu. Schließlich gab er auf und hoffte, dass Nevel bei ihrem Vater mehr Glück hatte.
In dieser Nacht lag Denjo ziemlich lange wach. Zwar hatten sie die Tür verriegelt und auch die Schließvorrichtung der Fensterläden gesichert, indem sie einen zusätzlichen Stab an dem Haken befestigt hatten, damit er nicht aus der Öse gehoben werden konnte. Doch ganz wohl fühlte er sich nicht. Hätte er nicht etwas aus der Stadt hören müssen, wenn sie gegen Toscha vorgegangen waren? Das Horn? Kampfgeräusche?
Denjo setzte sich auf. Was war, wenn Toscha es als Nächstes auf Revel abgesehen hatte? Oder auf Kendrok. Er konnte nicht einfach hier liegen und es geschehen lassen. Darauf warten, dass morgen früh wieder ein Mensch tot in seinem Bett gefunden wurde.
Seine Eltern lagen in ihrem Bett an der anderen Seite des Raums. Wenn er aus aufstand, um zur Tür zu kommen, würden sie garantiert durch das Knarren des Bodens geweckt werden. So blieb eigentlich nur das Fenster über ihm.
Mit einer Behutsamkeit, die er im Laufe der letzten Jahre im Umgang mit Hühnerküken gelernt hatte, öffnete er zunächst den inneren Fensterladen und löste dann den Verschluss des äußeren. Es klirrte leicht, als er den Haken langsam ablegte. Doch erst das leichte Quietschen des Fensterladens ließ ihn die Zähne zusammenbeißen. Als die Öffnung groß genug war, schlüpfte er hindurch, warf noch einmal einen Blick auf seine Eltern und schob ihn wieder zu. Dabei nahm er einen dünnen Zweig vom Boden und schaffte es tatsächlich, den Haken von außen wieder in die Öse zu manövrieren. Dieser Vorgang dauerte zwar furchtbar lange, weil er sehr leise sein musste, und auch die Querstange konnte er auf diese Art nicht einbauen. Doch immerhin waren seine Eltern so weiterhin einigermaßen geschützt und er konnte vielleicht auch wieder hineinklettern, bevor die Nacht vorüber war.
Der Mond schenkte ihm ein wenig Licht und er dankte kurz Ioris, der Göttin des Mondes.
Auf dem Weg zur Straße schnappte sich Denjo die Schaufel, mit der er am Tag den Hühnerstall ausgemistet hatte und die dort noch an der Wand lehnte. Sie war zwar groß und unhandlich, doch er fühlte sich gleich viel wohler, etwas in der Hand zu halten, womit er sich wehren konnte.
Als er auf der Straße war, begann er zu rennen. Revel hatte ihr eigenes Zimmer im hinteren Teil des Hauses. Zunächst klopfte er sanft auf den Fensterrahmen, dann flüsterte er. Keine Antwort.
Er wollte es gerade etwas lauter versuchen, da legte sich eine feste Hand auf seine Schulter. Mit einem Mal fuhr er herum und hob die Schaufel über seinen Kopf. Er sah in Revels schattiges Gesicht, die ähnlich erschrocken war wie er.
„Was machst du denn?“, fauchte Denjo und senkte langsam die Schaufel. „Ich hätte dir fast den Schädel eingeschlagen.“
„Offenbar hatten wir dieselbe Idee“, murmelte Revel. „Du willst wie ich auf die Jagd gehen.“ Sie hob eine Hand und Denjo erkannte ein langes Fleischerbeil.
„Sieht eher aus, als würdest du in den Krieg ziehen wollen.“
„Toscha hat unsere Freunde umgebracht. Das nehme ich persönlich.“ Trotz der Dunkelheit konnte Denjo erkennen, dass sie ihre Augenbrauen zusammenzog. „Gehen wir.“
Erst auf der Straße wagten sie, etwas lauter zu sprechen. „Dein Vater hat dir auch nicht geglaubt, oder?“, fragte Denjo.
„Nein“, antwortete Revel. „Er meinte, ich würde zu viel lesen.“ Sie lachte schief. „Das hätte er vor meiner Mutter niemals behauptet.“
„Gehen wir erst zu Kendrok?“
„Das hatte ich geplant. Allerdings wird es etwas schwieriger, ihn im Tempel zu finden.“
„Das macht es dann auch für Toscha schwer“, schlussfolgerte Denjo. „Vielleicht sollten wir einfach durch die Stadt patrouillieren. Allerdings ohne uns von jemandem erwischen zu lassen.“
„Meinst du, wir sollten es einfach mal bei Waranecks selbst probieren?“
Denjo merkte, wie sein Herz klopfte. Sie würden sich dem Mörder selbst gegenüberstellen. Das war purer Wahnsinn. Aber was sollten sie sonst tun? Es glaubte ihnen ja niemand.
Nur einige Ecken in der Stadt wurden auch in der Nacht beleuchtet. Am Tempel, am Rathaus und an den Toren waren Öllampen angebracht. Sie waren teuer und daher nicht in Massen vorhanden, sorgten aber dafür, dass man nicht vollkommen blind durch die Straßen lief. Außerdem gab es zwei Nachtwächter, die mit Fackeln einen Weg abgingen und sicherstellten, dass keine üblen Überraschungen wie Räuberbanden die Bevölkerung im Schlaf überraschten.
Denjo und Revel vermieden es, in dem Schein der Öllampen zu laufen und beobachteten die Laufwege der Nachtwächter, damit sie sie nicht erwischten. So dauerte es etwas länger als gewöhnlich, um zum Haus des Tischlers zu kommen. Dort war alles still und dunkel und Denjo war sich unsicher, wie sie weiter vorgehen sollten. Das Haus selbst ließ seine Haut kribbeln.
Auch Nevel schien ein paar Momente unschlüssig zu sein.
Doch dann drehte sie sich zu ihm um. „Hast du das gehört?“
Denjo sah sie an. „Nein.“
Nevel hob einen Finger. „Da.“
Er horchte. Ein ganz leichtes Knarren.
Nevels Kopf schoss zur Seite. Einen Augenblick später setzte sie sich in Bewegung. Denjo eilte ihr hinterher. „Was ist das?“, raunte er ihr zu.
Sie antwortete ihm jedoch nicht und bog in eine Gasse ein. Das Knarren ertönte wieder. Holz, das gegen Metall schliff. Oder umgekehrt. Nun war es deutlicher zu vernehmen. Als Denjo hinter Nevel um die Ecke lief, rannte er fast in sie hinein. „Was …?“, stammelte er. Doch dann sah er, warum sie stehen geblieben war.
Toscha stand an einem offenen Fenster und hielt die Hände ausgestreckt vor sich in Richtung Inneres. Gerade als Nevel laut „Stopp!“ rief, erhellte ein Lichtblitz den Augenblick. Gleichzeitig zuckte Toscha zusammen und drehte sich zu Nevel und Denjo um. Ein unnatürliches Grollen kam aus seiner Richtung. Dann drehte er zunächst kurz zum Fenster um und rannte einen Moment später in die andere Richtung der Gasse davon. Revel wollte sich hinter ihn setzen, doch der Schein einer Fackel, eine tiefe Stimme hinter ihnen und eine starke Hand an ihrem Arm hielten sie auf. „Was macht ihr beide denn hier?“
Es war einer der Nachtwächter.
„Lasst mich los“, rief Revel. „Er entkommt.“
Denjo, den niemand festhielt, überlegte kurz, was er tun sollte. Dann stürmte er nach vorne und in die Gasse hinein. Er war gerade am Fenster angekommen, als am anderen Ende der zweite Nachtwächter mit seiner Fackel auftauchte.
„Was ist passiert?“, hörte er die Stimme einer jungen Frau rechts von sich. Er drehte sich und sah sie im Fenster stehen. Wenn er sich richtig erinnerte, hatte er sie schon ein paarmal an Markttagen gesehen. Dann verkaufte sie einige Kleidungsstücke des städtischen Schneiders.
Sie musste Anfang zwanzig sein. In der Hand hielt sie eine Kerze, die noch nicht lange brannte.
„Wir …“, begann Denjo, doch wusste nicht, wie er den Satz beenden sollte.
„Wir haben dich gerettet“, rief Revel. Fensterläden und Türen in der Nähe gingen auf. „Es war Toscha Waraneck. Er ist Magier und wollte diese Frau ermorden, so wie er es mit Tikki und Jiku getan hat.“ Sie zog an ihrem Arm, den der Nachtwächter aber weiterhin ohne Probleme festhielt. „Wir haben ihn überrascht und er ist weggerannt.“ Sie deutete nach vorne.
Der Nachtwächter sah seinen Kollegen am anderen Ende der Gasse an. „Hast du jemanden gesehen?“
„Ja“, sagte dieser mit heiserer Stimme. „Ein Junge. Er ist an mir vorbeigerannt wie ein Pferd, das von einer Schlange aufgeschreckt wurde. Aber ich habe Rufe aus der Gasse gehört, deswegen bin ich …“ Er drehte sich um, doch konnte offensichtlich nichts mehr sehen, und seufzte. „Er ist längst weg.“
„Lasst mich los“, forderte Revel erneut und riss wieder mit ihrem Arm.
„Wir wollten wirklich nur helfen“, sagte Denjo nun. „Unsere Eltern haben uns nicht geglaubt, aber wir konnten ihn nicht ungestraft davonkommen und ihn weiter morden lassen.“
Mittlerweile hatten sich mehrere Leute um Revel und den Nachtwächter versammelt. Unter ihnen war auch Tamann, der Wirt. „Lasst das Kind los“, befahl er dem Nachtwächter mit seiner schroffen Stimme, der ihm sofort gehorchte. „Kommt, Kinder, ich bringe euch zu Gelandos. Er wird euch zuhören, dafür sorge ich.“ Er wandte sich an die Nachtwächter. „Und ihr weckt am besten eure Kameraden und sichert die Stadt. Hier läuft ein Mörder herum, der die Kräfte der Dunkelheit verwendet.“
Denjo ließ sich nicht zweimal bitten und folgte Tamann und Revel schleunigst in Richtung des großen Platzes. Sie gingen zu einer Seitentür des Rathauses, an die der Wirt ohne langes Zögern mit der Faust hämmerte. Es dauerte nicht lange, bis Gelandos die Tür in einem Morgenmantel bekleidet einen Spalt öffnete.
„Was ist denn los?“, fragte er.
„Ein weiterer Mordanschlag“, bellte Tamann, „den diese beiden hier vereitelt haben. Der Täter ist auf der Flucht, aber wir haben seine Identität.“
Denjo konnte sehen, wie sich die Augen des Stadtaufsehers weiteten.
„Moment.“ Gelandos schloss die Tür einen Augenblick. Dann hörten sie ein Klappern und die Tür wurde wieder geöffnet. Dieses Mal komplett. „Was ist passiert?“ Er wirkte nun deutlich wacher.
Revel berichtete Gelandos mit schnellen Worten, was Denjo und sie erlebt und geschlussfolgert hatten. Gelandos hörte ihnen zu. Doch auch er schien wie ihre Eltern an ihren Worten zu zweifeln.
„Gelandos“, kam Tamanns kräftige Stimme. „Die Kinder sprechen die Wahrheit. Ich habe den Lichtblitz selbst gesehen. Dieser Junge wollte diese Frau mit einem dunklen Zauber ermorden.“
Gelandos stöhnte, als hätte er Schmerzen. „Ein Magier?“ Er rieb sich den Nacken. Dann hielt er inne. „Dunkle Zauber sagtet ihr?“
„Ja, es waren zweifellos Kräfte der Dunkelheit.“
„Ihr meint …“
„Ja, dämonische Kräfte.“
„Es wird immer schlimmer.“ Gelandos wischte sich über die plötzlich schweißnasse Stirn. „Und ich hatte gehofft, dass es ein wildes Tier war.“ Kurz besah er sich die Kinder. „Ich werde ein paar Wächter rufen, die euch nach Hause bringen und bei euch bleiben.“
Die Suche nach Toscha dauerte die ganze Nacht und den darauffolgenden Tag. Doch er blieb verschwunden. Gelandos persönlich besuchte die Höfe von Revels Vater und Denjos Eltern, um ihnen mitzuteilen, dass sie sich heldenhaft und tapfer verhalten hatten. Das schützte beide allerdings nicht vor Strafarbeit auf den Höfen. Denn letztendlich hatten sie sich verbotenerweise nachts herausgeschlichen und ihre Leben riskiert. Heldentum hin oder her.
Die Anzahl der Nachtwächter wurde aufgestockt, selbst auf den Höfen wurden zusätzliche Leute eingesetzt, um sie zu beschützen und weiterhin nach Toscha zu suchen. Die Miliz des Grafen kam auch zur Hilfe. Allerdings fehlte auch nach einer Woche jede Spur von Toscha. Im Haus seines Vaters fanden sie die Leiche des Tischlers und seiner Frau, ähnlich zugerichtet wie Tikki und Jiku. Allerdings mussten sie, wie der Priester bekannt gab, schon Tage zuvor umgebracht worden sein. Zudem wiesen sie jeweils fünf seltsame kleine Wunden in ihren Gesichtern auf, als hätten Klauen sie festgehalten.
Nach einiger Zeit ging man davon aus, dass der junge Magier das Weite gesucht hatte.
Dennoch blieben die Sicherheitsvorkehrungen aufrecht. Schließlich handelte es sich immer noch um einen Magier, der vier Menschen umgebracht hatte, und gefährlich war.
Die Trauerfeiern für Tikki, Jiku und die Eltern Joschas stürzten die Stadt in eine Stille, die Denjo fast zerriss.
Nach zehn Tagen traf Denjo Revel in der Tempelschule. Sie hatten ihre Strafen mittlerweile abgebüßt und durften ihre freie Zeit wieder in der Stadt oder anderorts verbringen. Auch Kendrok war dort. Er war noch stiller als sonst, beteiligte sich kaum und warf seinen beiden Freunden nur flüchtige Blicke zu.
„Ich glaube, ich habe ihn gesehen“, raunte er Denjo nach dem Ende der letzten Unterrichtseinheit zu, als er an dessen Tisch vorbeikam.
Denjo war gerade im Begriff aufzustehen. „Wen?“
„Toscha“, flüsterte Kendrok.
„Wo?“, fragte Denjo hektisch.
„Im … Wald.“
„Was hast du denn im Wald gemacht?“, kam es jetzt von der Seite. Revel hatte offenbar gehört, was sie gesagt hatten.
„Ich … wollte beweisen, dass ich auch mutig bin. Jiku hat immer gesagt, dass ich ein Feigling wäre.“ Er stockte. „Ich wollte es … ihm beweisen.“
„Und da hast du ihn gesehen?“
„Ich war nicht tief drinnen. Er saß an einem Baum und hat geschnitzt oder so. Ich bin sofort weggelaufen.“
„Das war klug“, warf Denjo ein. „Er ist gefährlich.“
„Du bist kein Feigling“, sagte Revel.
Das ließ Kendrok aufatmen und ein wenig lächeln.
„Das heißt, Toscha ist noch hier“, meinte Denjo. „Es ist noch nicht vorbei.“
„Sagen wir Gelandos Bescheid?“, fragte Revel.
„Natürlich.“
Nachdem sie zu dritt zu Gelandos gegangen waren, um ihm mitzuteilen, was sie wussten, ließ der Stadtaufseher den Wald durchsuchen. Doch Toscha wurde nicht gefunden.
„Wir werden ihn heute Abend selbst suchen“, beschloss Revel im Anschluss, als sie auf dem Weg nach Hause waren. „Und ihn aufhalten.“
„Meine Eltern werden es nicht noch einmal zulassen, dass ich mich davonschleiche“, entgegnete Denjo. „Ich habe auch ehrlich gesagt keine Lust, eine Woche lang noch mehr Säcke und Wassereimer zu schleppen.“
„Er hat uns erkannt. Wenn er sich rächen will, wird er uns als Nächstes aufsuchen.“
„Es sind Wächter vor dem Haus“ argumentierte Denjo. „Meine Eltern sind immer da.“
Revel warf die Hände in die Luft. „Dann mach doch, was du willst.“ Damit rannte sie zu sich nach Hause und ließ Denjo auf der Straße vor seinem Zuhause stehen.
Es war einfach zu riskant geworden. Er hatte selbst erlebt, wie tödlich Toscha sein konnte.
Mit Sicherheit war es die richtige Entscheidung, ihn nicht alleine in einem dunklen Wald zu suchen, wenn es schon zwanzig ausgebildete Soldaten nicht geschafft hatten, ihn zu finden.
Doch auch diese Nacht fiel es Denjo schwer, in den Schlaf zu finden. Das Schnarchen seines Vaters tat sein Übriges. Seine Mutter allerdings schien sich daran nicht zu stören, denn sie atmete ruhig und regelmäßig, wie es nur Schlafende tun konnten.
Zumindest bis draußen jemand rief und alle im Haus aufschreckte.
„Was ist los?“, fragte sein Vater.
Er stieg aus dem Bett und machte ein paar Schritte im Dunkeln. Währenddessen zündete Denjos Mutter eine Kerze an. Daran merkte Denjo, dass seine Eltern äußerst angespannt waren. Kerzen waren teuer. Sein Vater nahm den Schürhaken vom Kamin und trat zur Tür. Die Rufe draußen waren immer deutlicher zu vernehmen. Dennoch konnte Denjo nicht ausmachen, was sie sagten. Sein Vater öffnete die Tür und spähte hinaus. „Bleibt hier“, sagte er schließlich, ohne sich umzudrehen. „Ich werde herausfinden, was da vor sich geht.“
Denjos Mutter warf sich eine Decke um und ging ebenfalls zur Tür. Sie folgte ihrem Mann nach draußen, nachdem sie Denjo zu bedeuten gegeben hatte, in seinem Bett liegen zu bleiben.
„Was hast du vor?“, hörte Denjo die Stimme seines Vaters vor der Tür sagen.
„Ich lasse dich nicht allein dort hinausgehen“, war ihre Antwort. „Außerdem will ich auch sehen, was vor sich geht, und nicht hier drinnen vollkommen blind bleiben.“
„Geh wieder hinein und verriegel die Tür.“
Schritte entfernten sich.
Fetzen der Rufe von den Leuten draußen waren nun endlich verständlich.
„… habe ich ihn gesehen! Er ist …!“
„… muss hier noch irgendwo sein!“
Dann kam seine Mutter wieder herein und schloss die Tür hinter sich. Die Rufe waren wieder dumpfer.
Einige Minuten horchte Denjo, während seine Mutter an der Tür verharrte. Er traute sich nicht, den inneren Fensterladen zu öffnen, legte aber ein Ohr an den Spalt zum Rahmen. Die Rufe schienen etwas weiter weg zu sein. Angespannt krallte er sich seine Fingernägel in die Handfläche. Schließlich öffnete er doch den Fensterladen auf seiner Seite, um mehr verstehen zu können.
„Denjo, mach das wieder zu“, hörte er seine Mutter sagen. Sie machte auch ein paar Schritte auf ihn zu. Doch er ignorierte sie.
Ein Knarren ertönte. Allerdings nicht von draußen. Er drehte sich um, denn er dachte, dass es der Boden unter den Füßen seiner Mutter war. Als er jedoch merkte, dass sie erschrocken in der Mitte des Raums stand und das Knarren weiterhin ertönte, lief ihm ein kalter Schauer den Rücken herunter.
Die Flamme der Kerze, die seine Mutter auf dem kleinen Tischchen an der Tür hatte stehen lassen, tanzte wie ein panisches Fluchttier. Luft musste durch die Ritzen der Tür ziehen. Doch Denjo spürte gar keinen Zug.
Er ließ seinen Blick schnell durch das Zimmer schweifen, um den Ursprung des knarrenden Geräuschs zu identifizieren und erstarrte, als er ihn erkannte.
Die Tür des Kleiderschranks öffnete sich. Langsam und quietschend. Eine Hand, aschfahl und irgendwie durchsichtig griff mit langen knochigen Fingern, die in scharfen Krallen endeten, um den Rahmen. Dann folgte der Rest der Gestalt. Sie wirkte fast menschlich, doch besaß aufgerissene, lidlose Augen und ein breites unnatürliches Grinsen. Wie die Hand, war es leicht durchsichtig, sodass der Schrank hinter ihr noch immer sichtbar war.
Mit einer furchtbaren Geschwindigkeit schoss eine Hand hervor und krallte sich in das Gesicht von Denjos Mutter, ehe diese auch nur aufschreien konnte. Die Klauen bohrten sich tief in Stirn und Wangen. Die Frau hing plötzlich ganz schlaff in seinem Griff, als hätte das Wesen ihr sämtliche Energie entrissen. Dann ließ er sie zu Boden fallen.
„Wir haben nicht viel Zeit, Junge“, sprach die Gestalt mit einer unheimlich hohen und heiseren Stimme. Sie machte wellenartige Greifbewegungen mit seinen klauenartigen Fingern
Denjo konnte sich nicht rühren. Er wusste nicht, was dieses Monster war und wie es hier sein konnte. Es musste ein Traum sein. Ein Albtraum. Doch in dem Fall, glaubte er, wäre er längst aufgewacht. Was alles noch furchtbarer machte: Die Gewissheit, sich die Welt mit einem solchen Wesen zu teilen.
Es hatte sein Bett erreicht, hob seine Klauen und setzte zum Schlag an. Denjo hatte nicht einmal genug Kraft zum Schreien. Nur die Augen konnte er schließen. Zu mehr war er nicht fähig in diesen letzten Sekunden seines Lebens.
Er hörte ein lautes Klappern, gefolgt von einem kurzen Knall, und dann sah er durch die Lider einen plötzlichen Lichtblitz.
Erschrocken öffnete Denjo die Augen und nahm gerade noch wahr, wie das Wesen vor ihm schmerzhaft aufschrie, während unsichtbare Klingen es in unendliche Einzelteile zerhackten. Übrig blieb nur ein Haufen Asche.
Denjo konnte sein Glück kaum fassen, drehte sich um und sah draußen vor dem offenen Fenster Toscha stehen, die Hände vor sich ausgestreckt, schwer atmend und lächelnd.
„Ich habe ihn erwischt“, raunte er. „Ich habe den Ha’amu erwischt. Hört Ihr das, Vater und Mutter? Ich habe Euch gerächt.“
„Da hinten“, schrie jemand. Toscha sah nach links und rannte davon.
„Warte!“, wollte Denjo ihm hinterherrufen, aber da war er bereits verschwunden.
Die Tür wurde aufgerissen. Sein Vater rannte in den Raum und sofort auf seine Frau zu, die noch immer reglos neben der Asche am Boden lag. „Was ist hier passiert?“, fragte er Denjo.
„Es war Toscha“, sagte Denjo.
„Sie kriegen ihn.“ Sein Vater überprüfte den Atem von Denjos Mutter. „Sie lebt …“
„Nein.“ Denjo schüttelte den Kopf. „Toscha hat uns gerettet.“ Er zeigte auf den Aschehaufen in der Mitte des Raums. „Da war ein … seltsames Wesen. Es hatte scharfe Klauen, hat Mama angegriffen und wollte dann mich aufschlitzen. Toscha hat es vernichtet.“
Sein Vater sah ihn zweifelnd an. Doch dann legte er den Kopf zur Seite. „Wirklich?“
„Ja, Papa. Bitte glaub mir.“
„Ich denke, das bin ich dir schuldig.“ Mit diesen Worten hob er seine Frau hoch. „Komm mit. Wir müssen sie zum Tempel bringen.“
Denjo nickte und schloss schnell den Fensterladen. Die Öse war aus der Wand gerissen worden. Also machte sie auch den inneren Fensterladen zu und legte den Riegel vor.
Sein Vater trat bereits mit Denjos Mutter im Arm nach draußen und wartete darauf, dass Denjo ihm folgte.
Dieser schnappte sich seine Schuhe an und eilte ihm hinterher. Draußen fanden sie Gelandos, der sich ihnen kurzerhand anschloss.
Denjos Mutter wurde im Tempel untersucht. Sie kam wieder zu sich, konnte sich aber an nichts mehr erinnern, was passiert war, nachdem ihr Mann das Haus verlassen hatte. Zwar wirkte sie müde und schlapp und ihre Wunden im Gesicht sahen ziemlich übel aus, aber ansonsten konnte der Priester nicht feststellen, dass sie ernsthaft verletzt war.
Denjo berichtete schließlich Gelandos, seinen Eltern und dem Priester, was ihm widerfahren war.
„Hast du gerade gesagt, dass der Magierjunge das Wesen einen Ha’amu genannt hat?“, fragte der Priester, kaum dass Denjo dieses Wort ausgesprochen hatte.
„Ja“, sagte Denjo zögerlich.
Der Priester legte sich eine Hand auf die Brust. „Bei Lasoshi“, murmelte er.
„Was ist ein Ha’amu?“, fragte Gelandos.
„Ein Dämon. Wenn Toscha ihn tatsächlich besiegt hat, sollten wir ihn nicht weitersuchen. Denn seine Kraft wird sehr groß sein. Zu groß für Eure Soldaten.“ Der Priester blickte Denjo tief in die Augen. „Du bist dir sicher?“
Denjo nickte.
„Bei Lasoshi“, wiederholte der Mann. „Die anderen Kinder. Tikkani und der Müllersjunge Jiku. Sie müssen Opfer dieses Monsters geworden sein.“
„Und die junge Marktfrau?“, fragte Gelandos.
„Ebenso. Sie war nach eigenen Angaben erst aufgewacht, als sie diesen Lichtblitz gesehen hatte. Schon da musste Toscha es auf diesen Dämon abgesehen haben. Doch ihr habt ihn abgelenkt, weswegen er ihn da noch nicht vernichten konnte.“
„Ein Dämon …“, murmelte Denjo.
„Es gibt Schriften über sie hier im Tempel. Sie kommen durch Türen aus einer anderen Welt und töten, um sich von den Seelen zu ernähren. Allerdings sind sie vorwiegend an jungen Menschen interessiert.“
„Vielleicht hatte er es ursprünglich auf Toscha abgesehen, aber stattdessen hat es seine Eltern erwischt“, sagte Denjo. „Toscha meinte, er hätte sie gerächt, nachdem er den Ha’amu vernichtet hat.“
„Sicherlich konnte er die dämonische Präsenz fühlen“, erklärte der Priester. „Dämonen sind Wesen voller Magie. Magieanwender sind in der Regel auch magiefühlend. Das heißt, Toscha konnte ihn wahrscheinlich aufspüren. Sonst haben wir hier in der Stadt nicht viel Magie.“
„Es scheint, als wären wir all die Zeit hinter der falschen Person her gewesen“, resümierte Gelandos.
Denjo konnte bald wieder nach Hause gehen. Er konnte es kaum erwarten Revel und Kendrok davon zu erzählen, was geschehen war. Sie saßen gemeinsam am Ufer des Sees, wo Denjo vor einiger Zeit das erste Mal Zeuge von Toschas Kräften geworden war. Es brauchte nicht viel Überzeugungskraft, damit die beiden ihm glaubten.
Denjos Mutter wurde wieder gesund, doch fünf punktartigen Wunden in ihrem Gesicht blieben ihr als rötliche Narben für das Ende ihrer Tage erhalten.
Von Toscha hörten sie erst nach langer Zeit wieder etwas, als ein Bote des Grafen in die Stadt kam, um die aktuellen Nachrichten aus der Hauptstadt auszurufen. Dabei erfuhren sie nämlich auch von einem neuen, vielversprechenden Schüler der Hofzauberin Montallans, der dem Grafen und seinen Ländereien seine Treue geschworen hatte.