Der Gefangene

Christian Goltsche

Es war einmal ein Wirtshaus, um das es in dieser Geschichte gar nicht geht. Allerdings beginnt sie hier. Doch auch das stimmt nicht ganz. Aber irgendwo muss eine Erzählung schließlich anfangen.

Eines Tages betrat ein junger Mann den Schankraum, sodass sich alle Gesichter nach ihm umdrehten und sich alle Gespräche einstellten. Dies hatte nur zum Teil etwas damit zu tun, dass der Mann fremd in dem Dorf war. Es lag vor allem an seiner Kleidung. Wahrscheinlich wäre er sonst kaum aufgefallen: Ein Umhang aus feinster Seide, eingerissen an mehreren Stellen, ein einst prächtiger Mantel, der nicht für Regen und Morast geschaffen war, Stiefel, die den Matsch erst vor Kurzem kennengelernt hatten, und ein Schwert so rein und sauber, dass selbst die Kinder in der Ortschaft erkannt hätten, dass es nie eine Schlacht erlebt hatte.

Die meisten Gäste waren sich sicher, dass der Mann diese Garderobe irgendwo gestohlen haben musste. Zwar hatten nur die wenigsten von ihnen jemals einen Adligen gesehen. Aber Berichte über sie. Und durchaus kam es vor, dass sich ein reicher Kaufmann in das Dorf verirrte. Wenn ein solcher sich schon völlig anders bewegte – eleganter und aufrechter, als wären kleine Nägel in den Schuhen eingebaut worden, sodass die Ferse nie komplett auftrat –, dann musste der Adel noch eine Stufe darüber sein.

Dieser Mann nickte den Leuten lächelnd zu, wie ein junger Stallknecht, der sich einmal zu viel selbst mit der Mistgabel gegen den Kopf gehauen hatte. Er schritt fast schüchtern an den Tischen vorbei zum Tresen, während ihm alle Augenpaare folgten. Manche der Gäste steckten bereits die Köpfe zusammen, um flüsternd zu spekulieren, um wen es sich handelte.

Über all das war der junge Mann namens Andil sich sehr bewusst. Und mit einer gewissen Schwere im Herzen nahm er zu Kenntnis, dass er nicht so recht hierher passte. Aber immerhin war ihm dieser Gedanke nicht fremd. 

„Seid gegrüßt“, sagte Andil schließlich freundlich, aber unsicher zum Wirt und legte eine Hand auf die Theke. Der Mann dahinter wischte geistesabwesend einen Becher mit einem Tuch trocken oder sauber.

„Seid Ihr ein Prinz oder so?“, kam es von einem der Tische und alle horchten gespannt auf die Antwort.

„Nun“, sagte der junge Mann und versuchte, die Selbstverständlichkeit des Adels, die ihm beigebracht wurde, in seine Stimme und seine Haltung zu bringen. „Ich bin der Sohn des Herzogs.“ Er stockte kurz. „Ein Sohn. Der Jüngste.“

Allgemeines Gemurmel, von dem einige Fetzen zur Theke drangen.

„… der Jüngste …“ „der Schwache“ „… der Junge …“ „Wie heißt er noch?“

„Abel.“ „Abdil.“ „Nein, Abril.“

„Andil“, verbesserte der Herzogssohn. Doch kaum jemand hörte ihn.

„Was führt Euch in dieses Loch?“, fragte der Wirt relativ unbeeindruckt und stellte ihm einen Krug mit einer klaren Flüssigkeit hin.

Andil hob den Krug vorsichtig vor sein Gesicht. Er hatte schmierige Flecken und irgendetwas, was er nicht definieren konnte, schwamm auf der Oberfläche des Getränks. So entschied er sich, zunächst die Frage zu beantworten. „Abenteuer.“ Ein schweifender Blick durch den Schankraum gab ihm genug Mut, dem Mann einfach die Wahrheit zu erzählen. Es würde nicht mehr wehtun, als dieses Zeug in seinem Krug zu trinken. So setzte er es ab und begann: „Mein Vater schickte mich in die Welt hinaus, um für mein Erbe zu kämpfen. Ich soll eine Heldentat vollbringen und mit einem Beweis dafür zurückkehren. Im Idealfall habe ich dann auch eine holde Dame dabei, die ich heiraten kann.“

Er versuchte, ein stolzes Gesicht aufzusetzen.

Der Wirt blickte ihn an und durchschaute das schlechte Schauspiel offensichtlich.

Einige, die näher an der Theke saßen, hatten anscheinend zugehört und redeten gleich aufgeregt mit ihren Nachbarn.

Das Leben der Dorfbewohner, die hauptsächlich Bauern und Handwerker waren, ließ nicht genug Fantasie für derartige Geschichten zu. Sie arbeiteten hart, aber weitgehend frei und kannten solche Verpflichtungen nicht. Andil schüttelte den Kopf und ließ die Schultern hängen.

So kam es dazu, dass Andil, der jüngste Sohn des Herzogs, ein paar Stunden in dieser Taverne in einem Dorf weit entfernt von der Residenz seines Vaters und all den Annehmlichkeiten, die sein Leben sonst so leicht machten, saß. Er fragte sich, wie er je zurückkehren konnte. Nicht im Geringsten wusste er, wie er sich seinem Vater beweisen sollte. Sein Geld war fast verbraucht. Seine Kleidung durch die langen Nächte und Tage in der Landschaft zerschlissen und ruiniert.

Immer wieder kam einer der Bauern zu ihm. Den ersten gab er gern einen Groschen und ein paar Anekdoten, die der Adel eben bot. Doch nach der fünften Person, die sich derart aufdrängte, zog er sich mit seinem Krug ans Ende der Theke in den Schatten zurück und seinen Umhang vor das Gesicht.

Der Schankraum hatte sich schon fast komplett geleert, der Wirt bereits die letzte Runde eingeläutet, als ein Mann sich zu Andil an den Tresen gesellte. „Mein Herr“, sagte er mit rauchiger Stimme.

„Bitte lasst mich in meinem Elend“, sagte Andil schwach. Als er merkte, dass der Mann noch immer neben ihm stand, blickte er in dessen vernarbtes Gesicht. „Geht doch!“, fuhr er ihn erschrocken an, denn ein solch hässliches Wesen war ihm in seinem Leben bisher nicht untergekommen.

„Ihr sucht also ein Abenteuer“, sagte der Mann unbekümmert.

„Ja“, entfuhr es Andil zunächst resigniert, doch dann wiederholte er das Wort mit Nachdruck: „Ja!“

Beinahe war er vom Hocker gesprungen. Dann erinnerte er sich aber an seine Manieren, und dass er hier etwas repräsentierte, das es in dieser Gegend nicht gab. Da er laut seiner Familie das eine nicht hatte und für das andere nie auserwählt worden wäre, zwang er sich umso mehr um Haltung. Mit hochrotem Kopf machte er eine Handbewegung, die selbst dem Hofnarren seines Vaters zu wild gewesen wäre. „Kennt Ihr eines?“

„Nun“, machte der Mann und schmunzelte etwas, wobei Andil erkannte, dass ihm die untere Zahnreihe fehlte, was ihn nicht schöner machte „Nicht weit südlich von hier hinter dem Sumpf steht ein Turm, in dem eine arme Seele gefangen ist. Wenn Ihr sie befreit, werdet Ihr sicher als Held gefeiert.“

Andils Augen glühten auf. Er griff die Hand des Mannes. Die Haut war ganz rau und schmutzig, doch das machte Andil nichts aus. Wenn sein Vater ihn jetzt sehen könnte. Die Hände eines offensichtlichen Landstreichers haltend. Er würde keinen Einlass zur Burg mehr erhalten. „Mein Herr. Wenn das wahr ist, habt Ihr mich gerettet.“ Er ließ ihn los. „Eine arme Seele? Ein Mädchen?“

Der Mann lächelte weiter. Er roch nach etwas, das Andil in den letzten Monaten häufig in die Nase trat, besonders seit er aufgrund des mangelnden Geldes immer häufiger draußen nächtigen musste. Es war ein Geruch, den es in der Burg seines Vaters kaum gab. Nur an Örtlichkeiten für gewisse körperliche Nöte, über die es sich nicht schickte, laut zu sprechen, und die man möglichst allein aufsuchte.

„Kann ich Euch auf ein Getränk einladen?“

Der Mann schüttelte den Kopf, klopfte dann aber auf den Tresen und ließ sich seinen Becher mit Bier füllen. Er hielt ihn hoch und rief: „Auf Euch, junger Herzogssohn.“

Schwungvoll hob auch Andil seinen eigenen Krug, der nun schon mehrere Stunden unangetastet vor ihm stand, stieß mit dem Mann an und kippte sich das Getränk mit einem Schluck in den Rachen.

Als Andil zu sich kam, saß er auf seinem Pferd. Wie er es darauf geschafft hatte, wusste er nicht. Auch nicht, wieso es bereits taghell war und ein Sumpf ihn umgab.

„Mädchen, was war denn in diesem Krug?“, fragte er sein Pferd Eloy und erschrak über seine eigene Stimme, die heiser und pfeifend klang. „Was war in diesem Krug?“, fragte er erneut.

Erschrocken sah er an sich hinab und betastete seine Taschen. Sein Geldbeutel war weg. Auch sein Mantel, seine Stiefel … lediglich seine Hose und sein Hemd hatten sie ihm gelassen. Wahrscheinlich war den Dieben beides zu durchlöchert gewesen.

Auch ein Schwert war nicht mehr da, stellte er entsetzt fest.

Eloy schnaubte kurz, als wäre ihr das alles egal. Vielleicht war das auch so. Immerhin schien er richtig zu sein. Hinter dem Sumpf sollte sich schließlich der Turm befinden. Wenn das, was der Mann gesagt hatte, stimmte. Bilder einer wunderschönen Prinzessin in einem weißen Kleid, die dort oben hilflos in ihrem Fenster stand, versuchten den Kopfschmerz zur Seite zu drängen. Und beinahe gelang es ihnen auch, als Eloy plötzlich unruhig wurde.

„Was ist los, mein Mädchen?“, fragte Andil und er blickte sich um. War es soweit? Kam nun sein Abenteuer? Nicht nur sein erstes, sondern womöglich auch sein letztes?

Er war ausreichend trainiert. Ausgebildet in der Fechtkunst, in der Militärtaktik und im Fernkampf. Auch wenn ihm das alles ohne Waffe gerade wenig nutzte.

Eloy bewegte sich hin und her. Er tätschelte den Nacken des Tieres. „Ruhig“, sagte er und betrachtete den Boden des Sumpfes vor ihm genauer. Es fehlte nicht viel, dass seine nackten Fußsohlen das schlammige Nass unter ihm berührten. Instinktiv hob er sie ein wenig an, senkte sie aber wieder, weil er dadurch schlechter reiten konnte. Rasch erkannte er, was das Pferd so erschrak. Mehrere braune Striche schwammen im Wasser und sofort dachte Andil an Schlangen. Doch bei genauem Hinsehen wurde ihm klar, dass es sich um Zweige handelte. Er steuerte Eloy an eine etwas freiere Stelle und streichelte sie zur Beruhigung. „Braves Mädchen.“

Wenn er ehrlich war, hätte er das Pferd längst verkaufen sollen. Sie war schließlich seine Gefährtin, auch wenn sie ähnlich stur wie seine Geschwister und die anderen Adligen des Hauses war. Doch alleine zu reisen, war ein Schritt, der ihn ängstigte. Und nun sah es so aus, als wäre das Tier, neben den beiden Lumpen an seinem Körper, das letzte, was er noch besaß und was eine Verbindung zur Burg seines Vaters hatte. Zu seinem früheren Leben. So lang, und vielleicht darüber hinaus, war er seiner Aufgabe verpflichtet. Gebunden an Ehre und Pflicht.

Andil fragte sich, wie lang er schon in diesem Sumpf unterwegs war. Das Laubdach über ihm ließ genug Sonnenlicht durch, dass er etwa erahnen konnte, wo Süden war, sofern er die Tageszeit richtig einschätzte. Wenn nicht, würde er sich wahrscheinlich hoffnungslos verirren, ehe die Nacht einbrach. Bis dahin wollte er den Sumpf gerne verlassen haben. Immerhin sah er weiter vorn eine Stelle, die aus dem Wasser und auf trockeneren Boden führte.

Ein Geräusch zu seiner Rechten ließ ihn aufhorchen. Es war kaum zu definieren, irgendwo zwischen dem Knurren eines Hundes und dem knarrendem Drehen des Holzrades einer Wassermühle. Einen kurzen Moment glaubte Andil auch, eine Bewegung zwischen zwei Bäumen gesehen und ein Plätschern gehört zu haben. Ringe, die auf der Oberfläche auf ihn zurasten, bestätigten seine Befürchtung, dass gerade etwas Größeres abgetaucht war. Auch Eloy schien zu bemerken, dass etwas auf sie zukam, schnaubte nervös und warf mit den Beinen Wellen ins Wasser. „Ruhig“, flüsterte Andil, doch das beruhigte Eloy nicht. Vielmehr fing sie an zu wiehern, als Luftblasen vor ihnen auftauchten. Dann passierten mehrere Dinge innerhalb von wenigen Momenten. Tausende Wassertropfen schwallten in die Höhe, ein grünes Etwas sprang darin herauf, Eloy bäumte sich auf, Andil verlor die Zügel und den Halt. Als nächstes war er von Wasser umgeben, schluckte viel zu viel davon, fand den Boden mit den Füßen nicht und tauchte trotzdem irgendwie mit dem Kopf auf.
Eloy stand mehrere Meter von ihm entfernt, die vorderen Hufe immer wieder in der Luft. Vor ihm ein Wesen, das Andil nur von hinten sehen konnte. Doch die scharfen Krallen, der spärlich behaarte, mit grünem Schleim überzogene Rücken und die langen grauen Kopfhaare konnte er trotzdem gut erkennen. Die Bestie bewegte sich auf Eloy zu und die Gefahr, in der seine Gefährtin steckte, ließ Andil all den Schmutz, den Schlamm und das Wasser vergessen, das seine Kleidung und die Haare aufgesaugt hatten. Er erhob sich, griff nach einem dicken, aber spitzen Ast, der vor ihm im Wasser trieb und rammte es der Kreatur in die Wirbelsäule. Zumindest versuchte er das. Die Haut des Wesens war zäh wie Leder und widerstandsfähig wie ein Kettenhemd. Und der Ast war morsch. Er zerbarst und Andil schlug sich mehrere Splitter in die Handflächen. Der Stoß reichte allerdings offenbar, um das Monster von Eloy abzulenken und seine Aufmerksamkeit Andil zu schenken. Unsicher, ob er Gott dafür nun danken sollte oder nicht, machte er sich bereit mit dem Holzsstummel in beiden Händen, einen Angriff des Monsters abzuwehren und sich ihm mutig entgegenzustellen. Allerdings machte er dabei mehrere Schritte zurück, um Abstand zu dem Wesen zu gewinnen, das zunächst stehen blieb und laut brüllte. Dann wurde Eloy plötzlich von mehreren Armen, nicht ungleich dem des Monsters vor ihm, unter Wasser gerissen, während zeitgleich mehrere dieser Ungetüme aus dem Wasser sprangen, hinter dem ersten Wesen auftauchten und Andil hungrig anstarrten.

So änderte Andil seinen Plan, drehte sich um und watete so schnell er konnte, davon. Eine Flucht war im Grunde unmöglich. Seine nasse Kleidung lag eng auf seiner Haut. Immerhin war er froh, dass er seinen schweren Mantel nicht trug, der ihn jetzt mit Schlammwasser vollgesogen nach unten gezogen hätte.

Der Widerstand des Wassers schien nur seine Beine aber nicht die der Wesen aufzuhalten. Sie kamen näher. Seine einzige Chance bestand darin, das Land zu erreichen. Das rettende Ufer lag direkt vor ihm. Doch er zweifelte, dass er es schaffen würde. Das verzweifelte Wiehern und Kreischen des Pferdes hinter ihm übertönte das Brüllen der Monster und raubte ihm fast den Mut. Nur eine Sache brachte ihn vorwärts: Der Turm. Die Dame darin. Er musste sie retten. Er musste zu ihr gelangen. Sie würde ihm helfen, ein normales Leben zu führen. Ihre Rettung würde seinem Vater beweisen, dass er etwas wert war. Er wäre nicht länger ein Gefangener. Er wäre frei. Und so dachte er an die Dame. Ihre blauen Augen, ihr goldenes Haar, ihre vollen Lippen. Ihm war, als könnte er die Wärme ihres Körpers bereits spüren. Sie gab ihm Kraft und als er nur noch ein paar Schritte vom rettenden Land entfernt war, öffnete er die Augen und sprang mit Verzweiflung zu den Wurzeln, die dort aus dem Boden ragten, um sich aus dem Wasser zu ziehen. Als er jenen Boden unter sich wusste, drehte er sich um und erblickte: Nichts.

Das Wasser war still und ruhig. Eine Mücke landete leise surrend auf seinem Arm und Andil schlug nach ihr. Sie wurde zwischen seiner Hand und der Haut zerquetscht, ohne je eine Chance auf sein Blut gehabt zu haben.

Auch von Eloy war keine Spur zu sehen. Nur dort, wo das Tier vorhin noch stand, war das Wasser rot gefärbt.

Opfer, die Andil bringen musste. Für die Dame im Turm. Für ein glorreiches, freie Leben. So setzte er seinen Weg fort und achtete darauf, Tümpel und Wasser zu meiden. Ihn begleiteten nur noch das Zirpen der Grillen, das Quaken der Frösche und das schmatzende Geräusch seiner Füße auf dem feuchten Boden. Und seine Gedanken. Die zweifelten.

Es dauerte noch einige Stunden, ehe Andil den Sumpf verließ. Doch dann wurde er mit einem erstaunlichen Anblick belohnt: Ein grauer Turm stand auf einer schier endlosen Wiese aus herrlich duftendem Gras und unzähligen Mohnblumen. Das Gebäude wirkte fehl am Platz und doch war Andil froh darüber, denn er wusste, er war am Ziel. So eilte er mit seinen schwachen Beinen auf den Turm zu. Das warme Gras war eine Wohltat für seine Füße. Die Halme kitzelten ein wenig. Je näher er kam, desto sicherer war er, am richtigen Ort zu sein. Am Fuß des Turmes gab es offenbar keine Tür. Nur oben befand sich ein Fenster mit Gittern.

Es blieb nur eine Möglichkeit.

„Holde Dame!“, rief er hinauf. „Seid Ihr dort oben? Ich bin ein Prinz. Unfd ich komme, um Euch zu befreien.“ Als er diese Worte sagte, wurde ihm bewusst, wie er aussehen musste. Schon im Dorf war er äußerlich sicherlich Vieles, aber kein Prinz. Er war ein Schwindler. Mehr nicht.

Zunächst passierte nichts. Ein paar Grillen zirpten und Vögel sangen. Hinter ihm plätscherte noch leise das Wasser im Sumpf zum Gequake der Frösche.

„Hallo?!“, rief er wieder. „Ist da oben jemand?“

„Ja“, kam endlich eine Antwort. „Ihr wollt mich befreien?“

Andil erstarrte. Das war nicht die Stimme einer Dame. Weder einer holden noch sonst einer anderen.

„Seid Ihr noch da?“, kam es wieder mit tiefem Bass von oben.

„Ist da zufällig eine arme Seele bei Euch? Eine junge Dame. Hübsch und edel?“

Es dauerte einen Moment, bis die Stimme etwas erwiderte, ganz als würde die Person, die zu ihr gehörte, sich da oben umsehen, um sicherzugehen, dass sie nichts Falsches aussagte.

„Nein, so jemand ist hier nicht. Ich bin ganz allein.“

„Und Ihr seid Euch sicher, dass Ihr keine junge, edle Dame seid?“

„Ziemlich sicher.“

Der Kopf, der hinter den Gittern auftauchte, hätte Andil eigentlich als Antwort gereicht. Dort oben stand ein Mann, der nicht weiter weg von seiner Vorstellung einer hübschen Prinzessin in Not hätte sein können. Auf der glatten Kopfhaut spiegelte sich die untergehende Sonne. Die langen Vorderzähne lagen auf der Unterlippe und wenn sich Andil nicht täuschte, meinte er erkennen zu können, dass eines der Augen über der viel zu großen Nase in eine komplett andere Richtung schaute als das andere.

„Ich, ähm“, machte Andil unschlüssig. „Ich bin eigentlich hier, um eine junge Dame zu retten.“

„Ihr habt es durch den Sumpf geschafft. Da seid Ihr der Erste“, sagte der Mann im Turm. „Glückwunsch.“

„Ja, danke“, sagte Andil.

„Also… ich bräuchte Rettung. Das wäre nicht schlecht. Ich bin hier nämlich eingeschlossen und eingemauert.“

„Ja, das sehe ich…“, stammelte Andil. „Nur…“

„Ihr habt eine Dame erwartet.“

„Ja.“

„Und ich bin keine Dame.“

„Irgendwie nicht.“

„Und jetzt wollt Ihr mich nicht befreien?“

„Ich ähm…“

Andil glaubte, dass eines der Augen ihn argwöhnisch ansah.

„Es ist nichts Persönliches“, sagte er schnell. „Ich mache mich nur zum Gespött der Leute, wenn ich … jemanden … wie … Euch …“ Der Abstand zwischen den Worten wurde immer größer, bis er schließlich komplett aufhörte zu sprechen. „Tut mir leid.“

„Ach, was ist an mir denn so schlimm, hm? Nur weil ich nicht hübsch bin. Und nicht weiblich? Ihr könntet es ja wenigstens versuchen!“

„Nun, ich mag lieber Frauen als Män-“

„Ich meinte, Ihr könntet wenigstens versuchen, mich zu befreien, Ihr Idiot. Ihr seid selbst kein Augenschmaus. Und besonders helle wohl auch nicht. Also tut mal nicht so, als hättet Ihr den Thymian erfunden.“

„Den Thym-“, setzte Andil verdutzt an. „Hört mal, ich habe mein Pferd-“

„Nein, nein, jetzt rede ich“, unterbrach ihn der Glatzkopf erneut. „Ich bin hier in diesem Turm seit Monaten eingesperrt und warte darauf, dass mich jemand befreit. Jetzt kommt Ihr als Allererster hierher, nachdem Ihr Euch durch den Sumpf gekämpft habt, und wollt mir nicht helfen, weil ich ein Mann und hässlich bin? Wäre es nicht sogar noch heldenhafter jemanden wie mich zu befreien? Ohne Gegenleistung?“

„Ohne Gegenleistung?“, fragte Andil.

Der Mann oben seufzte so laut, dass Andil es unten hören konnte.

„Ja. Ohne Gegenleistung.“

„Heißt das, Ihr habt nicht einmal Gold oder Macht? Ihr seid einfach nur irgendein armer Bauer in irgendeinem verlassenen Turm?“

„Ich bin kein Bauer. Ich bin Rainer und ich bin Küfer. Und der Turm gehört einem Grafen, dem ich ein Fass verkauft habe, das leider den Wein nicht gehalten hat. Ich glaube aber, dass er mit dem Fass nicht sorgsam genug umgegangen ist.“

„Ich befreie Euch also“, sagte Andil. „Was passiert dann?“

„Wir gehen unserer Wege. Ich erzähle allen, wer mich befreit hat.“

„Ihr kennt nicht einmal meinen Namen.“

„Ein selbstloser Held würde ihn mir auch nicht nennen.“

„Ihr macht mir Eure Rettung nicht schmackhafter“, sagte Andil und biss sich auf die Zunge.

„Wer schickt Euch eigentlich?“, fragte Rainer, vielleicht um das Thema zu seinen Gunsten zu wechseln.

„Ein Mann in einem Dorf, nördlich des Sumpfes. Er erzählte mir von … Euch. Oder zumindest von diesem Turm.“

„Wahrscheinlich ein Sumpfbewohner. Sie bringen den Trollen gern Opfer, um sie zu besänftigen. Diese ganze Gegend hier wäre wahrscheinlich von diesen Monstern überrannt, wenn sie nicht ab und an einen Imbiss erhalten. Das muss man diesen elendigen Sumpfbewohnern schon irgendwie zu Gute halten. Allerdings kommt wegen dieser Monster auch aus meinem Dorf niemand auch nur in die Nähe dieses verfluchten Ortes.“

„Was treibt Euch überhaupt in diese gottverlassene Gegend?“, fragte Rainer nach ein paar Momenten der Stille, denn Andil wusste nicht, was er sagen sollte.

„Mein Vater … der Herzog … das Erbe… Ich bin der Jüngste und soll mich beweisen.“

„Indem Ihr Euch im Sumpf von Trollen umbringen lasst?“, fragte Rainer. „Ein schöner Vater. Wie wollt Ihr überhaupt zurückkommen? Ohne Pferd, Schwert oder Badekleidung?“

„Ich …“, begann Andil etwas irritiert, doch dann fiel ihm etwas ein. „Wie wollt Ihr durch den Sumpf kommen?“

„Ich muss in die andere Richtung. Zu meinem Dorf. Viele Meilen südlich von hier.“

„Weit weg vom Sitz meines Vaters. Wo mich niemand kennt und meinen Vater auch nicht.“

„Wahrscheinlich“, sagte Rainer. „Ich kenne Euch schließlich auch nicht.“

„Ich bin Andil, der jüngste Sohn des Herzogs.“

„Euer Herzog hat hier nichts zu sagen.“

Das traf Andil härter, als er gedacht hätte. Sein Vater hatte überall etwas zu sagen. Oder nicht?

„Ihr habt die Grenze Eures Landes überquert. Das da hinten sind freie Ländereien“, sagte Rainer nicht ohne Stolz in der Stimme. „Von rachsüchtigen Grafen, die einen in Türme stecken mal abgesehen.“

„Mein Vater hat hier keinen Einfluss?“

„Nein, Ihr seid hier völlig frei.“

Andil konnte das Wort kaum begreifen. Frei? Bisher dachte er immer, er wäre frei. Doch die Pflicht gegenüber seinem Vater, gegenüber dem Herzogtum hatte sich stets wie eine Kette an seinem Bein angefühlt. Er dachte immer, wenn er sich bewiesen hätte, könnte er ein eigenes, freies Leben führen … doch wenn er daran dachte, war das ein anderes Gefühl, als das was jetzt in seiner Brust klopfte. Pure, vollkommene Freiheit.

Sie ließ seine Hände zittern.

Er wusste kaum, wohin mit ihnen.

„Selbst wenn ich Euch retten wollte“, sagte er, als ob er damit seine Gedanken vertreiben könnte. „Wie soll ich das anstellen?“

„Nun, es gibt da unten irgendwo einen Hebel, der eine versteckte Tür im Mauerwerk öffnet. Leider kann man ihn nur von außen betätigen.“

„Ich muss also nicht einmal klettern, kämpfen oder sonst irgendeine Heldentat vollbringen?“, fragte Andil konsterniert. „Jeder Mensch hätte herkommen können, um Euch zu befreien?“

Andil glaubte, ein Schulterzucken erkennen zu können.

„Das kommt drauf an, ob Ihr stark genug seid, um einen Hebel herunterzudrücken, den ein zehnjähriger Junge umlegen kann.“

„Wo ist dieser verfluchte Hebel?“ Langsam ging ihm die Art des Mannes auf die Nerven, der jetzt mit einer Hand nach unten deutete.

„Irgendwo da unten bei Euch.“

Tatsächlich fand er den Hebel sehr schnell. Er legte eine Hand darauf und hielt inne.

„Ich habe ihn gefunden.“

„Dann legt ihn doch um“, kam Rainers Stimme von oben. „Oder seid Ihr doch zu schwach?“

„Wie soll ich zurückkehren? Mit leeren Händen. Ich war schon zuvor das Gespött des Hofes und nun … Ich muss meinem Vater einen Beweis für meine Heldenhaftigkeit geben.“

„Ihr schenkt einem unschuldigen Mann seine Freiheit. Was mehr könnte Euren Vater stolzer machen?“

„Ihr kennt meinen Vater nicht …“ Andil seufzte. Er schloss die Augen und merkte, dass sich Tränen darin bildeten. „Wenn es nur so einfach wäre“, murmelte er. Dann zog er den Hebel herunter.

Es klickte irgendwo in der Wand und nach einer kurzen Zeit, in der Andil keine Veränderung im Bau feststellen konnte, öffnete sich plötzlich ein Spalt, dann eine Öffnung im Mauerwerk und ein großgebauter Mann schritt heraus. Rainer.

Er war sicher zwei Köpfe größer als Andil.

Der Mann kam auf Andil zu und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Danke. Nennt mir Euren Namen.“

„Andil.“

„Andil, wenn Ihr es wünscht, werde ich überall erzählen, dass Ihr derjenige wart, der mich gerettet hat. Ich werde die Geschichte ausschmücken. Mit Trollen, wenn Ihr wollt, die hier vor dem Turm Wache gestanden haben. Ihr habt sie getötet, seid hochgeklettert, habt irgendwie die Gitter herausgerissen, ein Seil hier oben befestigt und mich heruntergelassen.“

Zögerlich nickte Andil. „Habt Dank.“

Rainer wandte sich zum Gehen um, dann drehte er sich noch einmal zu dem Herzogsjungen, der weiterhin unsicher vor dem Turmeingang stand und an sich hinabblickte.

„Wohin geht Ihr nun?“

Andil sah zum Sumpf zurück, dann zu Rainer. „Ich weiß es nicht.“

Rainer schien einen Moment zu überlegen. Seine Augen fokussierten sich nicht auf eine Stelle und Andil war nicht sicher, ob er ihn ansah oder nicht. Dann ging er zu Andils Überraschung wieder in den Turm hinein.

„Kommt mit. Wir holen Euch erst einmal aus dieser nassen Kleidung heraus. Dann sehen wir weiter. Ich habe sicher noch etwas für Euch. Wenn auch vielleicht etwas zu groß.“

„Und dann?“

„Es ist spät. Wir übernachten hier. Dann kommt Ihr mit in mein Dorf zu meiner Schwester, der es hoffentlich gut geht … Morgen früh. Oder Ihr versucht Euer Glück bei den Trollen, den Sumpfbewohnern oder Eurem Vater. Alle drei scheinen mir gleich gefährlich zu sein.“

„Eigentlich müsste ich Euch jetzt enthaupten, da Ihr meinen Vater, den Herzog, mit einem Troll verglichen habt“, sagte Andil mit einem müden Lächeln.

„Und einem Sumpfbewohner, etwa genauso hässliche und widerwärtige Wesen“, sagte Rainer mit erhobenem Zeigefinger. Dann begann er, die Treppen im Inneren des Turmes zu erklimmen.

Zunächst stand Andil etwas unschlüssig da. Eine gewisse Leichtigkeit schwang in seiner Brust, als er sich die Frage nach einer Zukunft ohne seinen Vater stellte.

„Kommt Ihr?“, fragte Rainer von innen und Andil zögerte nur noch einen kurzen Moment. Dann folgte er dem Küfer in den Turm.

„Der Gefangene“ als Teil der Texte des Monats-Reihe von KAMINA.